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„Da geht aber noch mehr!“ Der Nervgrad der Papiertiger


Immer Höher – Schneller – Weiter?

Immer Höher – Schneller – Weiter?

Früher… Früher war ich ziemlich aktiv in diversen BDSM- und Fetischgruppen auf Facebook. Früher konnte man dort tatsächlich noch alles Mögliche explizites posten, ohne umgehend gesperrt zu werden (sei es dank automatischer Algorithmen oder dank miesepetriger Melde-Muschis). Und es gab eine Zeit vor dem „50 Shades of Grey“-Film*, in der es in den Gruppen tatsächlich meist respektvoll, wertschätzend und aufbauend zuging. Die m.E. wundervollste Gruppe war damals unsere Subby-Gruppe, die der ziemlich legendäre Sir Magnus ins Leben rief – just als ich meine ersten Schritte in der Szene versuchte. Gute alte Zeit, ist vorbei, basta.

Abgesehen vom Gezicke und Gedisse untereinander, wenn alle möglichen Fraktionen „Ihr BDSM“ quasi zur Religion verklären und alles andere bis auf Blut bekriegen, machte mir eine ganz spezielle Art von Männern ganz besondere Freude: „Der da-geht-aber-noch-mehr Vollpfosten“. Postete eine Sub voller Freude ein Bild ihrer Spuren, kann man darauf wetten (ich nehme an, das ist heute nicht anders), dass ein paar „Ultradoms“ (typisches Merkmal: Markige Namen wie „Dominus Schlagalletot“ und fehlendes oder geklautes Profilfoto) umgehend in die Tasten ätzen und ihren Schlachtruf „Da geht aber noch mehr“ absondern. Und ich schwanke dann zwischen Verachtung und Zorn, denn diese Spacken schaffen es leider immer wieder, Subby-Newbies zu verunsichern und demotivieren. Zudem verließen echte SMer mehr und mehr genervt die Gruppen, was wirklich verdammt bedauerlich war.

In freier Wildbahn taucht dieser Typus zum Glück fast nicht auf. Wenn so ein Super-(Dumm)-Dom es tatsächlich wagt, derartige Sprüche bei einer öffentlichen Session im Club zu bringen, wird er sich weitere Besuche danach wahrscheinlich schwer überlegen. Ich gehe davon aus, dass er nicht dazu tendieren wird, sein Verhalten zu überdenken, sondern ob dieser Schmach umso mehr die virtuelle Welt mit seiner „Expertise“ heimsuchen wird.

Leider sind aber nicht alle solchen Typen nur virtuell Täter. Manchen gelingt es tatsächlich, eine Jung-Sub dazu zu überreden, sich von dem „Meister“ missbrauchen zulassen. Die körperlichen und vor allem seelischen Schäden, die dabei entstehen können, sind so massiv, dass man davor nicht genug warnen kann. In den Clubs sind die „Karrieren“ dieser Arschlöcher zum Glück meist sehr kurz, da die Gemeinschaft meist Acht gibt und die „Herren“ dann ganz schnell ein Hausverbot kassieren. Leider ist aber oft nicht gleich zu erkennen, ob der Missbrauch einvernehmlich erfolgt…

Fifty Shades of Grey - © Universal Pictures

Online habe ich mich (schon als ich noch leidenschaftliche Maso-Sub ohne jede Dom-Ambitionen war) oft süffisant über solche Exemplare hergemacht und sie der allgemeinen Lächerlichkeit preisgegeben. Zum Teil geschah das natürlich, weil es mir Spaß machte und mein Ego puderte, aber es war auch stets ganz klar mein Anliegen, diesen Papiertigern nicht das Feld in den Gruppen zu überlassen.

Wer auch immer mit diesen „Da geht aber noch mehr!“-Sprüchen konfrontiert wird: Wer so etwas von sich gibt, ist einfach nur ein Idiot und meist auch reiner Tastenwichser.

Wenn ich selbst „Höhe, Schneller, Weiter“ propagiere, dann nicht auf Kosten anderer! Ich selbst habe die Tendenz (und Stärke!) immer extremere Dinge an mir auszuprobieren. Aber ich würde niemals von anderen erwarten, dass sie ihre Grenzen für mich aufgeben, nur weil ich das so will – Empathie, tiefes Einfühlungsvermögen ist da das Zauberwort. Und vor allem würde ich niemals über das Spiel anderer die Nase rümpfen und sagen „Da geht aber noch mehr!“ – es sei denn im Spiel mit lieben Freunden und Bekannten ?

PS: Natürlich gibt es auch Frauen, die sich als Göttinnen aufspielen und übergriffig werden. Auch das ist schlimm, kommt aber meiner Erfahrung nach extrem viel seltener vor als männliche Entgleisungen. Leider nehmen sie aber oft jungen devoten Masos den Mut, sich frei in der BDSM-Welt zu bewegen, weil eine ignorante Zicke sie bewusst zu  hart bespielte.

*tatsächlich ist mein Eindruck, dass sich die Szene nach Veröffentlichung dieses Films ganz massiv verändert hat

Kommentare:

Na Dine schrieb am 27. April 2021 um 01.22 Uhr:

... gerade weil du in deinen Spielen und Erkundungen so viel machst (und - für meine Begriffe sehr weit gehst ...) ... danke für diese klaren Worte! :-)


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