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Corona zerstört Träume – Nachruf aufs Roxie


Love at Roxie

Seit vielen Monaten sehe ich, wie durch die Lockdowns Träume und Existenzen zerstört werden. Während im Frühsommer, trotz aller Einschnitte noch Optimismus herrschte und viele Clubbetreiber und andere, mit teils pfiffigen Ideen positiv der Krise zu trotzen versuchten (so nahm der Südpol in Hamburg per kreativem Crowdfunding mehr als 100.000 € Überlebenshilfe ein – ich selbst erwarb seinerzeit ganze 10 cm² des Clubs ?), herrschen mittlerweile Resignation und tapferes Irgendwie-weiter-Durchhalten vor. Wenn man heute Interviews von vor einem Jahr liest, dann tauchen dort immer wieder Sätze mit dem Tenor auf:

“Es ist grade wirklich hart für uns, aber wir werden es überstehen. Nur einen zweiten Lockdown darf es nicht geben, der würde uns allen definitiv das Genick brechen!”

Roxie bei Nacht

Im Spätsommer 2020 fiel mir dann auf, dass die ersten Kneipen, Clubs und Läden im Viertel verschwanden und immer mehr leergeräumte Locations mich anstarrten. Selbst der Bäcker schräg gegenüber, den es schon immer hier gab, strich die Segel. Aber alle, die es einigermaßen stemmen konnten, setzen ihre ganze Hoffnung darauf, dass spätestens im Herbst das schlimmste überstanden sein würde. Tatsächlich schienen sich diese Hoffnungen zu erfüllen, Gastro und einige Clubs konnten unter Einhaltung strenger Hygiene-Auflagen eingeschränkt wieder öffnen und sogar die Arbeit in SM-Studios und Sexwork waren für ein paar Wochen wieder möglich. Wir alle hofften, es mit einer blutigen Nase geschafft zu haben. Schon damals wurden angesparte Reserven, so vorhanden, erschreckend knapp.

Ob mit Haaren oder ohne - hier fühlte ich mich immer wohl

Doch dann kam die zweite Welle, die gerade nahtlos in die dritte übergegangen ist. Seit über einem Jahr gibt es im Grunde keine Konzerte und Techno-Events (Techno-Veranstaltungen, bei denen man sitzen muss, gehen leider gar nicht!) mehr, die Kinky Hedonistische Szene ist tot, Studios und Sexwork liegen im totenähnlichen Dämmerschlaf. Immer mehr Studios schalten sogar ihre Web-Pages ab - aus Kostengründen und um nicht den Anschein zu erwecken, vielleicht „illegal“ doch zu arbeiten. Man kann sich ja nicht einmal im Grünen in ein Café setzen. Und natürlich kann das alles nicht ohne viele Opfer bleiben, zumal einfach viel zu viele durch das Raster der „Rettungs“-Hilfen fallen. Natürlich kommen und gehen zu allen Zeiten großartige Läden* – aber dieser Massentod durch die Schließungen ist weitaus schlimmer, als alles bislang erlebte.

Und jetzt hat es auch mein liebstes Bar-Restaurant erwischt, das Roxie ☹

Roxie by night

Wenn ich an das Roxie in der Rentzelstraße denke, kommen unglaublich viele wundervolle und intensive Erinnerungen in mir hoch, laufen ganze Filme in meinem Kopf ab. Die Cocktail-Happy-Hours an drei Tagen in der Woche, von 17 – 22 Uhr, waren jedes Mal der Hammer. Man konnte hier superlecker Frühstücken und international essen und wurde immer behandelt wie eine guter Freundin. Innen war alles mit dunklem Holz getäfelt und wenn man durch den Laden nach hinten ging, passierte man erst einen schönen Wintergarten und trat dann in einen sonnigen, von alten Bäumen beschatteten Garten mit rustikalen Holztischen, schicken Bistro-Tischlein und sogar Strandkörben.

Abends war dieser Garten von hunderten bunten Lichtern erleuchtet, in deren Schein man Träumen und kuscheln konnte – und es auch tat. Und ab und an schaute sogar eine süße kleine Maus vorbei und suchte nach herabgefallenen Leckerbissen.

Roxie - Blick in den Himmel

Das Roxie war der Laden, der immer ging – jeden Tag im Jahr, von morgens bis abends, bei jedem Wetter. Und irgendwie war auch immer ein schönes Plätzchen für uns frei. Das Roxie war wie ein zweites Wohnzimmer, nur größer und spannend. Wenn ich Gäste von außerhalb erwartete, war eines ganz sicher: hier kann nichts schief gehen (es sei denn, es waren einem notorische Nörgler zugeflogen ? ).

Hier veranstaltete ich sogar meine ersten BDSM-Stammtische – weil ich wusste, dass die Betreiber superlocker und einfach toll waren.

Roxie Garten

Hier saßen wir auch mit dem Team der legendären Graceland-Studios und schmiedeten Pläne für weitere Einsätze von Hörspiel-Legende Konrad Halver - meinem lieben, viel zu früh verstorbenen Herzens-Freund - als abgefuckter Kiez-Kommissar Dobranski. Und auch das wahnwitzige Hörspiel-Groß-Projekt „Gualagon – Frankensteins Schreckensgigant“ und dessen angedachte Fortsetzungen wurden hier ausbaldowert (und im Hindukusch und dem Windschirm).

Und hier wurde es oft unglaublich emotional und liebevoll. Und noch viel öfter einfach wundervoll entspannt und gemütlich – und sehr sehr lecker.

Ich weiß nicht, wie viele Flying Kangaroos, Ballaballas, Sex on the Beach, Guinness, Montepulciano, Roxie-Teller und Ducksteins ich dort mit tollen Menschen vernichtet habe. Hier habe ich unglaublich emotionale gemeinsame Stunden erlebt und hier fühlte ich mich sogar allein wohl und irgendwie zuhause und bei Freunden.

Roxie in the mirror

Das Roxie war für mich viel mehr ein als irgendein Ort, wo es leckeres Essen und Getränke gab, es war einer meiner Herzensorte, an denen ich mich so wundervoll geborgen und positiv fühle. Wenn ich so einen Ort verliere, trifft es mich jedes Mal wirklich hart und ich vermisse die Location und die guten Zeiten dort viele Jahre lang. Wenn ich an Rezas wundervolles persisches Restaurant, mein Paradies denke, oder an das Hemingway im Treppenviertel, das Cuba Mia (ebenfalls in der Rentzelstraße), den Garten des Hindukusch, das Schweinske Zwo, das Moloch und andere – immer bleibt eine Leere, wenn so ein besonderer Laden schließen muss. Ich kann nur hoffen, dass am Ende der Krise nicht nur die kalte Zweckgastronomie überlebt, sondern auch die tollen Orte, an denen die Betreiber ihre Träume mit anderen geteilt haben.

Mein geliebtes Roxie, ich werde dich und Dein Team immer im Herzen und meinen Träumen haben – und weine grade tatsächlich ein paar Tränen um dich. Für Dich gibt es keinen Ersatz. Du warst einer der Läden, die mich an Hamburg gebunden haben, wenn ich wieder Pläne schmiedete, nach Berlin zu gehen… ein Anker weniger…

Caroline R.Ubber

Roxie Drinks and Love

*Hier im Norden bezeichnet man Locations wie Clubs, Restaurants, Bar oder Kneipen gern als „Laden“. Da dies Gäste von außerhalb oft verwirrte, da sie mit „Laden“ Geschäfte assoziieren, erwähnte ich das hier lieber ?

Kommentare:

Sina Trips schrieb am 16. April 2021 um 22.33 Uhr:

Oh nein! Wie traurig. Ich hab da manchen schönen Abend verbracht und viel erlebt. Tolle Leute kennengelernt und getroffen. Wir zwei sind uns im Roxie das erste Mal begegnet. Es wird mir fehlen. 😪


Dirk schrieb am 16. April 2021 um 20.41 Uhr:

Sehr berührend und vor allem echt was Du schreibst, genauso fühlt es sich an, genau diese entsozialisierung spüren wir alle extremst. Lass es dir gut gehen und mach weiter 🙏


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